
Der Spuk kann ganz rationale Gründe haben, auch wenn das Ganze wie in diesem Fall seltsam abläuft.
Wer schon als Servicetechniker in allen Herren Ländern unterwegs war, um Störungen in Maschinen oder Anlagen zu beheben, der weiss, worum es geht:
Man wird gerufen, weil die Maschine manchmal einfach nicht richtig will, aus unerklärlichen Gründen abstürzt oder Fehlfunktionen aufweist. Und manchmal passiert es wirklich nachts, immer um ähnliche Zeiten – wie damals in Japan.
EMV heisst es dann – Elektromagnetische Verträglichkeit. Messen soll man, aber was?
Die Anlage lief jahrelang gut, dann plötzlich fing es an: Jede Nacht um eine ähnliche Zeit produzierte sie mangelhafte Qualität und niemand fand heraus, was der Grund war.
Die Schichtarbeiter wurden verdächtigt, Netzqualitätsmessungen durchgeführt, Software-Logs um die Welt geschickt, Rohmaterialchargen untersucht, vergebens.
Irgendwann wurde der Leidensdruck so gross, dass Hals über Kopf zwei BC-Flüge nach Tokio gebucht wurden.
00:00 Uhr
Der Jetlag kam diesmal ganz gelegen, denn bei Tag fanden wir überhaupt nichts Auffälliges. Dann, als die Kirchturmuhr genau 00:00 schlug (in Japan? okay, es war früher ;-), ging es los. Die Qualitätsüberwachungssysteme fingen an, Ausschuss zu melden und irgendwann konnte nicht mehr vernünftig produziert werden. Wie jede Nacht wurde gestoppt, um den Schaden zu begrenzen und erst im Morgengrauen traute sich wieder jemand, die Produktion aufzunehmen – erfolgreich.
Den ganzen Tag über keine Probleme, egal, welche Störquellen rundherum aktiv waren.
Der Grund für die schlechte Produktionsqualität konnte relativ rasch gefunden werden: Ein Frequenzumrichter, der eine stabile Gleichspannung ausgeben sollte, fing an zu schwingen. Das Tauschen durch einen Neuen nützte nichts und die Verdrahtung war einwandfrei.
Natürlich hatte der Kunde vor dem Servicecall auch schon alles Mögliche versucht, und so war es unmöglich, herauszufinden, ob der Anfang des Problems vielleicht doch mit einem Software-Update zusammenfiel.
Wer schon mal an so einer Krisensitzung in Japan mit dabei war, der kann sich vorstellen, wie sich die Stimmung der 20 Beteiligten von erfolglosem Tag zu Tag entwickelte.
Nach mehreren Nächten des Messens und Probierens richteten wir dann doch mal eine Langzeitmessung des RMS-Wertes der Versorgungsspannung ein und gleichzeitig einen Trace der Regelgüte.
Netzschwankungen im %-Bereich
Und tatsächlich: Die sehr stabile Netzspannung senkte sich nachts um immer dieselbe Zeit um wenige Volt, was nicht mal den Netztechnikern aufgefallen war und auch auf dem Oszilloskop nur mit einer Auswertung der durchschnittlichen Mittelwertabweichung sichtbar wurde.
Eine (nicht unumstrittene) Energiesparmassnahme, welche die japanischen Kraftwerke neu eingeführt hatten!
Und weshalb bringt das einen Frequenzumrichter ins Elend? Das war hingegen unser Fehler: Wir betrieben das Gerät haarscharf an der unteren Spannungsgrenze und bei Unterschreiten derselben begann der Regler des Umrichters zu schwingen, was unsere Kollegen in der Schweiz dann mit wenigen Messungen nachstellen konnten.
Der Spannungsabgriff des Netzanpassungstrafos wurde um eine Stufe erhöht und alles war wieder im Lot.
Der Kunde war uns so dankbar, dass wir einen Extra-Tag Sightseeing in Tokio mit persönlicher Führung erhielten… Das hat die langen Nächte wieder wettgemacht.
So lernt man aus (manchmal vermeintlichen) EMV-Problemen immer wieder Neues, das einem die Sinne schärft und bei der nächsten Fehlersuche hilft. Es passiert von der Fahrradbeleuchtung bis zur Windkraftanlage. Täglich.
Kennen Sie das auch? Unerklärliche EMV-Phänomene?